Sophias Düstere Kinderfilme: Momo (1986)


Momo (1986)

Übersicht
Kinostart (DE):
17.07.1986
Dauer:
104 Minuten
Genre:
Drama, Familie, Fantasy
Regie:
Michael Schaaf
Wertung
8 / 10

Düster bedeutet nicht immer automatisch gruselig. Es kann auch mit traurig, melancholisch oder beklemmend gleichgesetzt werden. Der heutige Film fällt wohl eher in die letzten drei Kategorien., auch wenn er natürlich viel Schönes besitzt. „Momo“ ist nicht nur einer meiner liebsten Kindheitsfilme, sondern ebenfalls eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Der 1973 erschienene Roman von Kultautor Michael Ende hat alles, was ein intelligentes Kinderbuch braucht: eine unerschrockene Heldin, ein aufregendes Abenteuer und dazwischen einen Haufen versteckter oder offensichtlicher Gesellschaftskritik.

1985 wurde „Momo“ in deutsch-italienischer Zusammenarbeit in den Cinecittá Studios Rom von Regisseur Michael Schaaf gedreht. Anders als „Die unendliche Geschichte“ (1984) hatte dieses Projekt den Segen von Autor Michael Ende, der sogar das Drehbuch mitschrieb und einen kurzen Cameo Auftritt am Anfang des Films hat. Der Film erzählt die Geschichte des Waisenkindes Momo, das in einem Amphitheater ein neues Zuhause und Freunde findet. Doch die anfängliche Idylle wird bald von der Invasion der grauen Herren zerstört, als diese versuchen die Zeit aller Menschen zu stehlen.

Die grauen Herren sind in meinen Augen ideal konzipierte Bösewichte. Sie sind undurchschaubar, skrupellos, herrschsüchtig und illoyal. Fast nie entsteht eine Situation, in der man als Zuschauer richtiges Mitleid ihnen gegenüber empfinden kann. Man möchte nur eines, nämlich sie besiegt sehen. Ihr Design als austauschbare glatzköpfige Bankangestellten mit langen Mafiazigarren in den Mundwinkeln unterstreicht ihren fiesen Charakter. Armin Müller-Stahl spielt die Rolle des Anführers der grauen Herren herausragend mit Haut und – naja, ohne Haare.

Besonders beklemmend sind die Szenen im Gericht der grauen Herren, als sie einen der Ihren verurteilen, aber auch die Mitschnitte aus ihrer Zentrale. Mich haben diese Episoden stark an ein Kraftwerk Musikvideo erinnert. Die Bilder sind dunkel gehalten, vieles spielt sich im Schatten ab und nur ihre Glatzen scheinen in Reih und Glied dem Auge entgegen zu leuchten. Alles ist in den dunstigen Nebel ihrer qualmenden Zigarren gehüllt, während sie unermüdlich daran arbeiten, Momo aufzuhalten. Untermalt werden diese Szenen von einem Synthie mit passendem Darth-Vader-Keuchen im Herzschlag-Rhythmus. Die Uhr tickt für das Leben der grauen Herren. Denn stehlen sie nicht die Zeit der Menschen, lösen sie sich in Rauch auf.

Etwas verstörend ist auch die Szene, in der Momo von den grauen Herren eine Armada an lebensgroßen Puppen geschenkt bekommt. Erst einmal sehen diese „Spielzeuge“ fürchterlich aus. Hätte ich mit zehn Jahren so ein Ding daheim sitzen gehabt, das mich unverwandt aus küsntlichen Augen anstarrt, hätte ich ihr eine Decke über den Kopf geworfen. Dazu kommen noch ihre blechernen Stimmen, mit denen sie immer wieder dieselben sinnlosen Sätze wiederholen. Creepy. „Damit kann man doch nicht spielen“, wie Momo richtig sagt.

„Momo“ ist ein genialer Film, der den Spagat zwischen Kitsch und Ernst meistens gut schafft und gerade einem jüngeren Publikum eine schöne Moral mit auf den Weg gibt: Zeit ist eben nicht Geld. Man sollte sein Leben wertschätzen und es mit den Menschen teilen, die man liebt. Jetzt habe ich richtig Lust bekommen, das Buch wieder einmal zu lesen. Ich mache mich mal auf die Suche danach und währenddessen kann ich euch den Film (und das Buch) nur wärmstens empfehlen.

 

(adsbygoogle = window.adsbygoogle || []).push({});

Schreibe einen Kommentar

Ich akzeptiere