Sophias Düstere Kinderfilme: Kiriku und die Zauberin (1998)


Kiriku und die Zauberin

Übersicht
Kinostart (DE):
06.10.1999
Dauer:
74 Minuten
Genre:
Märchen, Zeichentrick
Regie:
Michel Ocelot
Wertung
9 / 10

Kennt ihr das? Ihr seht einen Film oder den Ausschnitt eines Films der euch total gut gefällt, aber später will euch einfach nicht mehr der Titel einfallen? „Kiriku und die Zauberin“ war lange Zeit für mich einer dieser Filme. In der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es ein Kino, das jeden Sonntag am frühen Nachmittag Kinderfilme aus aller Welt zeigte. Hier besuchte ich nicht nur zum allerersten mal ein Kino, sondern ich lernte auch besagten Film kennen. Fünfjährig und hemdsärmelig wie ich war gefiel er mir so gut, dass ich meine Eltern regelrecht zwang ihn mir aus der städtischen Bibliothek auf VHS auszuleihen. Und das dann so häufig, dass sie ihn schließlich boykottierten.

Mit der Zeit vergaß ich den Film – und auch seinen Titel. Doch kürzlich bin ich auf einer bekannten Internetauktionsplattform über die DVD gestolpert und zack: alle Erinnerungen waren wieder da. Klick, bestellt. Nach zwei Tagen war das Päckchen dann auch schon da und aufgeregt habe ich mir den Film nach so vielen Jahren wieder angesehen. Und ich wusste gleich, warum ich ihn schon früher mochte. Denn die Ereignisse und Dialoge von „Kiriku und die Zauberin“ sind teilweise so seltsam, dass es schon wieder witzig ist. Warum habe ich diesen Film also in die Artikelreihe mit aufgenommen? Er ist ab Null Jahren freigegeben, also quasi Material für Jedermann. Offiziell. In einigen Filmforen allerdings wird er frühestens ab acht Jahren empfohlen. Und das ist durchaus berechtigt.

„Kiriku und die Zauberin“ basiert lose auf einem westafrikanischen Märchen aus der Heimat des französischen Regisseurs Michel Ocelot. Und wie ihr es bestimmt auch nicht anders von den Märchen der Gebrüder Grimm gewohnt seid, gibt es hier einiges Bedrohliches und mitunter Gewalttätiges. Kurz zur Handlung des Films: Kiriku kommt in einem kleinen afrikanischen Dorf zur Welt und kann gleich nach seiner Geburt sprechen, laufen (und zwar sehr schnell!) und ist überaus intelligent. Sein Heimatdorf wird von der schrecklichen Hexe Karaba tyrannisiert, was der kleine Mann sogleich hinterfragt und beenden möchte. Der Film zeigt seine Abenteuer bis zu seiner Konfrontation mit der grausamen Hexe.

So lustig und glimpflich die Erlebnisse des kleinen Kiriku auch ausgehen, hat der Film doch ein paar Elemente, die ihn relativ düster erscheinen lassen. Zunächst ist da Karabas Reich. Die Farbgestaltung ist im Gegensatz zu der umliegenden Welt sehr dunkel, schwarz und grau gehalten. Ihre alles überragende Hütte wird bewacht von den sogenannten „Fetischen“, ihren Diener-Marionetten. Besonders auffällig ist der Fetisch auf dem Dach. Er hat riesige rote Glupschaugen und sieht alles, was um Karabas Hoheitsgebiet herum passiert. Sogar eine Ameise, die hundert Kilometer entfernt ist. Die Hexe hat ebenfalls zwei Fetische, die ihr die Tür öffnen, sobald sie aus der Tür tritt. Bevor sie das tun, scheppern sie aber immer noch ein schiefes, dissonantes Lied über ihre Ankunft. Diese Szenerie wirkt super düster und unterstreicht Karabas Image als böse Zauberin.

Was mir jetzt erst im Nachhinein beim letzten Sichten des Films aufgefallen ist, ist die Tragik der Hintergrundgeschichte Karabas. Sie wurde eine böse Hexe, weil sie von einer Gruppe Männer gewaltsam gefangen wurde und während diese sie festhielten, rammte ihr einer einen giftigen Dorn in ihr Rückgrat. Genau an die Stelle, an der sie ihn unmöglich selbst herausziehen könnte. Ich wage mich jetzt sehr weit aus dem Interpretationsfenster, aber könnte diese Episode nicht als eine Art Vergewaltigungsszene gesehen werden? Und das in einem Kinderfilm ist schon hart, auch wenn es metaphorisch dreimal in Packpapier gewickelt wurde. Zumindest erscheint es mir so, aber darüber kann man bestimmt streiten.

„Kiriku und die Zauberin“ ist ein kurzweiliger, fantastischer Film, der einfach Spaß macht. Absolut zu empfehlen für alle Mutigen, die keine Vorbehalte gegen Kinderfilme haben.

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