Sophias Düstere Kinderfilme: Chihiros Reise ins Zauberland (2001)


Chihiros Reise ins Zauberland

Übersicht
Kinostart (DE):
19.06.2003
Dauer:
125 Minuten
Genre:
Anime
Regie:
Hayao Miyazaki
Wertung
10 / 10
Um die ersten Stirnrunzler gleich zu beschwichtigen: Mir ist bewusst, dass „Chihiros Reise ins Zauberland“ kein expliziter Kinderfilm ist. Warum ist er trotzdem in dieser Reihe dabei? Als der Film damals im Sommer 2003 in die deutschen Kinos kam, wurde er hierzulande als Kinderfilm vermarktet. Beispielsweise wurde Chihiro in der deutschen Synchronfassung von der damals beliebten Bibi Blocksberg Schauspielerin Sidonie von Krosigk gesprochen um gerade ein jüngeres Publikum zu erreichen. Die Animebegeisterung in Deutschland hatte Anfang 2000 erst so richtig Fahrt aufgenommen und man hatte sich deshalb entschlossen auch Kinofilme dieses Genres nach Europa zu bringen. Da aber die Zielgruppe der Animekonsumenten zu dieser Zeit noch im Alter von sechs bis circa sechzehn Jahre lag, wurde der Film auch entsprechend angepriesen. Mein Drittklässler-Selbst ging in diesem Sommer auch ins Kino und sah sich den Film an, anstatt eine Arschbombe im öffentlichen Schwimmbad zu machen. Das halte ich heute übrigens immer noch so. Nichts schlägt ein klimatisiertes dunkles Kino im Sommer.

Aktuell befindet sich das Verständnis des deutschen Animepublikums auf einem ganz anderen Level als noch 2003 und auch die Zielgruppe ist älter und weiser (?) geworden. So ist spätestens jetzt klar, dass „Chihiros Reise ins Zauberland“ kein schnöder Kindermärchenfilm ist, sondern ein fantastisch animiertes Fantasyabenteuer mit ziemlich viel Tiefgang. Chihiro ist ein junges Mädchen, das mit ihren Eltern in eine neue Stadt zieht. Auf dem Weg zum Eigenheim verfahren sie sich und landen in einem Wald, der eine Pforte in das Zauberland öffnet. Die nächsten zwei Stunden muss Chihiro sich in besagtem Land zurecht finden, das Geheimnis um den Jungen Haku lüften und ihren Weg nach Hause suchen.

„Chihiros Reise ins Zauberland“ hat viel Schönes, Aufregendes, Buntes und auch Düsteres zu bieten. Der Film hat eine Altersfreigabe von Null Jahren, was ich allerdings etwas seltsam finde, da er durch den expressiven Zeichenstil und einige bestimmte Szenen nicht unbedingt etwas für ein allzu junges Publikum ist. Als ich ihn damals sah, war ich ungefähr zehn Jahre alt und habe ihn ohne weitere Albträume überwunden.

Chihiros Abenteuer ist nicht unbedingt gruselig, aber düster auf jeden Fall. Immerhin verliert sie gleich zu Beginn der Geschichte ihre Eltern. Und damit bin ich schon gleich bei der ersten Szene, die mich damals wie heute beklommen macht. Chihiros Eltern verwandeln sich in richtig fette Schweine. Und das ist hier nicht als Beleidigung gemeint, sondern Tatsache. Nach ihrer Ankunft im Zauberland, was Chihiros Eltern fälschlicherweise für einen verlassenen Vergnügungspark halten, entdeckt die Familie ein Buffet. Ohne zu fragen stürzen sich Chihiros Eltern quasi auf das Essen und beginnen es immer mehr in sich hineinzustopfen. Hayao Miyazaki gelingt es hier fabelhaft den Ekel der Szene herüberzubringen. Chihiros Eltern schlingen und schlingen das fettige, tropfende Essen herunter, bis sie sich in zwei riesige Schweine verwandeln. Doch sie hören noch lange nicht auf zu essen und wühlen förmlich in den Essensabfällen, die sie hinterlassen haben. Als Strafe für ihr Verhalten werden sie dann von der Hexe Yubaba in einen Schweinestall gesperrt.

Maßlosigkeit ist sowieso ein Thema, das der Film an vielen Stellen kritisiert. Auch die Szene mit dem Ohngesicht im Badehaus lässt sich dazu zählen. Als wäre es nicht schon unangenehm genug, dass das Ohngesicht immer ohne zu sprechen mit seiner starrenden Maske in der Gegend herumsteht. Nachdem es sich Zugang zum Badehaus verschafft hat, beginnt es die Angestellten mit Gold zu bestechen. Da es sehr reich zu sein scheint, wird Ohngesicht von den Angestellten des Badehauses hofiert und bekommt jeden Wunsch erfüllt. So auch ein großes Buffet, das es fast ohne Pause verschlingt. Mit jedem Bissen wächst es, bis es eine riesenhafte, klobige Gestalt angenommen hat. Seine Maßlosigkeit ist so groß, dass es sogar beginnt Angestellte zu fressen, wenn diese ihm widersprechen oder nicht schnell genug arbeiten. Um es aufzuhalten, gibt Chihiro Ohngesicht einen halben Kräuterkloss, der es zum Erbrechen bringt. Und da kommt eine Menge braune Brühe aus dem Ding heraus. Bäh!

„Chihiros Reise ins Zauberland“ zählt zu meinen Lieblingsfilmen und ist, meiner Meinung nach, zu keiner Sekunde langweilig. Neben „Das Wandelnde Schloss“ ist es eines von Hayao Miyazakis größten Meisterwerke. Der Regisseur hat nun angeblich mit seinem Sohn Goro ein neues Projekt begonnen, obwohl er erst vor ein paar Jahren seinen Ruhestand verkündet hat. Ich bin auf jeden Fall gespannt!



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