Würde man meinen, dass „Star Trek“ die langlebigste Science Fiction-Serie aller Zeiten ist, würde man falsch liegen. Denn noch älter ist die britische Kultserie „Doctor Who“. Die Show handelt von den Abenteuern eines exzentrischen, humanoiden Außerirdischen, der in in einer blauen Polizeinotrufzelle durch Raum und Zeit reist, zumeist mit einer menschlichen Begleiterin, und so nebenbei die Erde bzw. das Universum rettet. Von 1963 bis 1989 wurden hunderte von Folgen produziert. 2005 erlebte die Serie ein Revival, das bis heute andauert.

Ein Abenteuer durch Raum und Zeit

„Doctor Who“ ist das kreative Kind des damaligen Chefs der Drama-Abteilung der BBC, Sydney Newman („Mit Schirm, Charme und Melone“). Newman wollte eine erzieherische Unterhaltungsserie für Kinder machen, die Weltgeschichte und andere Lehrinhalte vermitteln sollte. Die Produktion der Serie übernahm seine ehemalige Assistentin Verity Lambert.

Die Figuren standen bald fest. Zwei Schullehrer, Ian und Barbara, suchen ihre seltsame Schülerin Susan bei ihr zu Hause auf, und treffen dort auf ihren Großvater, genannt der Doktor. Dort erleben sie eine Überraschung, denn der schrullige alte Mann und seine Enkeltochter stammen nicht von der Erde, sondern sind Timelords vom Planeten Gallifrey. Doctor Who entführt die beiden kurzerhand und reist mit seinen unfreiwilligen Gefährten in seinem als Polizei-Notrufzelle getarnten Schiff, genannt T.A.R.D.I.S., durch Raum und Zeit, unfähig, zurück in das Jahr 1963 zurückzukehren. Auf ihren Reisen finden sie viele Verbündete, aber auch Feinde, wie die unbarmherzigen Weltraumnazis Daleks.

Bigger on the Inside

Für die Rolle des Doctors wurde der Drama-Schauspieler William Hartnell gecastet. Der Name der Titelfigur soll das große Mysterium der Serie sein, und sollte immer nur „der Doktor“ genannt werden. In den Credits der klassischen Serie wurde er aber als „Doctor Who“ bezeichnet, ebenso wie in der ersten Staffel des Revivals. Die Serie hatte trotz ihres Sci-Fi-Konzepts immer ein sehr enges und geringes Budget. Die geplante Funktion der T.A.R.D.I.S. – das Akronym steht für „Time and Relative Dimension in Space“ – immer ein anderes Objekt zu sein, konnte darum nicht durchgeführt werden, und darum blieb sie eine blaue Notrufzentrale. Von außen, denn im Inneren ist sie weitaus größer. „It’s bigger on the inside“ ist ein als running Gag funktionierendes Zitat aus der Serie.

Die Pilotfolge „An Unearthly Child“ durfte zweimal gedreht und ausgestrahlt werden, da an jenem Samstag, an der sie erstmals ausgestrahlt wurde, die Welt nach Dallas blickte, wo John F. Kennedy erschossen worden war. Die Quoten waren daher im Keller. An dieser Stelle empfehle ich gleich mal, dass ihr euch den TV-Film „An Adventure in Space and Time“ anschaut, der die Anfänge der Serie näher beleuchtet. Viele hunderte Folgen des halbstündigen Programms gingen leider verloren, da die BBC keinen großen Wert auf Archivierung hielt. So wurden sie als Hörspiel, als Animation oder mit Standbildern unterlegt, rekonstruiert.

Recasting mit Spin

„Doctor Who“ war ein massiver Erfolg, vor allem auch bei Kindern, dem eigentlichen Zielpublikum. Doch die stressige Drehzeit und die ständig wechselnden Gefährten des Doktors machten dem betagten Hartnell zu schaffen, und sein Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Da entschied die BBC, ihn gegen den jüngeren Patrick Troughton auszutauschen. Der Recast sollte aber nicht unerwähnt erfolgen, sondern in die Show mit eingebaut werden. Das Konzept der Regeneration war geboren. Der Körper eines Timelords kann sich an der Schwelle des Todes erholen, dabei verändert sich aber die Gestalt und und Biologie des Timelords. Sprich: Ein neuer Schauspieler übernimmt die Rolle.

Reversing the Po(pu)larity

Im originalen Run der Serie kamen insgesamt 7 Doktoren zum Zug. Nach dem Wechsel vom 2. auf den dritten Doktor, Jon Pertwee, wurde auch erstmals in Farbe gedreht. Tom Baker, der 4. Doctor, wurde zum beliebtesten Schauspieler in der Rolle. Sieben Jahre lang verkörperte er die ikonische Figur mit einem langen Schal. Und er hätte sicher auch weitergemacht, hätte Baker keine Probleme mit dem neuen Showrunner Nathan Turner gehabt. In den 80er Jahren nahmen die Quoten stetig ab, und so wurde „Doctor Who“ 1989 nach 26 Staffeln abgesetzt.

In den 90er Jahren gab es ein unwürdiges 30-Jahr Special sowie einen Versuch, die Serie für den amerikanischen Markt fortzusetzen, das Resultat, „Doctor Who – The Movie“, konnte trotz Paul McGann als 8. Doktor und Eric Roberts als Erzfeind „The Master“ allerdings nicht überzeugen.

Revival in 2005

„Doctor Who“ wurde zunächst als Hörspielreihe bei Big Finish fortgesetzt, doch der Wunsch nach einem TV-Revival wurde immer größer. Also versuchte es die BBC ab 2004 erneut. Showrunner Russel T. Davis krempelte das Format um und modernisierte „Doctor Who“ zu einer Serie mit je 13 einstündigen Folgen (inklusive Werbepause). Start war 2005. Christopher Eccleston wurde zum 9. Doktor, mit Popstar Billie Piper als seine Begleiterin. Der Schauspieler hatte allerdings Probleme mit den Produzenten und Davis, und verließ die Serie mit dem Ende der „ersten“ Staffel. Aus „Dank“ setzte ihn die BBC auf die Blacklist, und der Brite musste in den darauffolgenden Jahren in den USA belanglose Bösewichter in Action-Blockbustern (GI Joe, Thor – The Dark World) spielen. Sein Nachfolger David Tennant wurde zum beliebtesten Doktor seiner Zeit.

Davis sollte den Lore der Serie grundlegend verändern. In der Zeit vor den Abenteuern des 9. Doktors sollte es einen kosmischen Krieg, den „Time War“ gegeben haben. Dieser hat das Gefüge zwischen Raum und Zeit grundlegend beschädigt, und sowohl zum scheinbaren Genozid der faschistischen Daleks (mutierte außerirdische Menschen in unzerstörbaren Metallgehäusen) als auch zur Zerstörung Gallifreys geführt haben. Als kriegsgebeutelter und traumatisierter Überlebender/ Gewinner des Krieges soll der Doktor nun weiterhin das Universum bereisen, um die Schäden des Krieges gerade zu biegen.

Eine Geschichte in 13 Folgen…

Neu waren auch die jährlichen Weihnachts-Specials, welche meistens eine Staffel beendeten bzw als Bindeglied zwischen den Staffeln fungierten. Eine weitere Neuerung waren Staffel-Arcs, größere Geschichten, die immer wieder in den Episoden vorkommen, aber erst gegen Ende hin wichtig werden. Dadurch wurde die Show zu einem Hybriden aus seriellem und episodenhaften Erzählen. Die erste Staffel hatte die Worte „Bad Wolf“ quer durch Raum und Zeit verteilt, die zweite Staffel das intrigante Torchwood-Institut. In der dritten Staffel versuchen der Doktor und seine neue Companion Martha, hinter die Identität des mysteriösen Harold Saxon zu gelangen. In den vergangenen Jahren wurde das Konzept der Staffel-Arcs etwas gelockert bzw aufgegeben.

Spin-Offs!

Der Erfolg der Serie sorgte auch für die Kreation von Spin-Offs. Bereits während der klassischen Serie wollte man die Abenteuer von Langzeit-Companion Sarah-Jane-Smith (Elisabeth Sladen) fortführen. Der Pilot stieß aber auf wenig Gegenliebe. Nach ihrem Auftritt in der zweiten Staffel des Revivals („School Reunion“) gab es aber sowohl für Sarah-Jane (kinderfreundlich) als auch für ihren metallernen Begleithund K-9 (seeeeehr kinderfreundlich) je ein Spin-Off, „K9 and Company“ wurde allerdings nach einer Staffel abgesetzt, und der Tod von Elisabeth Sladen verhinderte eine Fortführung von „The Sarah-Jane Adventures“.

Gleichzeitig zur dritten Staffel von „Doctor Who“ ging auch „Torchwood“ mit John Barrowman als pan-sexueller, unsterblicher Jack Harkness auf Sendung. Dieses Spin-Off ist weitaus düsterer und behandelt ständig die Abgründe der menschlichen Seele. Nach 4 Staffeln war jedoch auch hiermit erstmals Schluss. 2016 kam das bislang letzte TV-Spin-Off, „Class“, heraus. Der „Buffy“-Klon wurde von der BBC jedoch zu stiefmütterlich behandelt, und so blieb auch der durchaus gelungene Cliffhanger am Ende der ersten Staffel unaufgelöst.

The Times they are a Changing

Nach vier Staffeln hatten sowohl Davis als auch Tennant genug, und beendeten ihren Run mit mehreren Specials. Steven Moffat (Coupling, Jekyll, Sherlock), dessen Episoden während der Davis-Ära als Highlight herausstachen, übernahm den Posten als Showrunner, und castete mit Matt Smith den bis dato jüngsten Darsteller des Doktors. Außerdem erforschte die Serie ab der 6. Staffel den amerikanischen Markt, wurde actiongeladener und dramatischer. Die Geschichten wurden zudem komplizierter und verwirrender, und nutzten mehr Zeitreise-Paradoxa wie das „Stiefelriemen-Paradoxon“ (auch bekannt als Prädestinationsparadoxon) für ihre Erzählungen.

Moffats Talent besteht vor allem darin, komplexe Geflechte zu schaffen, und aus alltäglichen Dingen und Begebenheiten Horrorszenarien zu machen. Nur mit Enden und Auflösungen hatte er manchmal Probleme, und so blieben manche Fragen während seines Runs doch offen.

In Moffats Ära fiel auch das 50-Jahr-Special „Day of the Doctor“, zu welchem er traditionsbewusst mehrere Doktoren aufeinandertreffen ließ, um sich den Sünden der Vergangenheit zu stellen.

The Woman who Breaks the Glass Ceiling

Ende 2017 stiegen sowohl Moffat, als auch Peter Capaldis 12. Doktor aus der Serie aus. Chris Chibnall (Broadchurch) übernahm die Produktion der Serie, und castete Jodie Whittaker als ersten offiziellen weiblichen Doktor. Das Produktionsbudget wurde deutlich erhöht, die Episodenanzahl jedoch auch stark verringert. Komponist Murray Gold, der seit 2005 für den großartigen Score gesorgt hat, hat die Serie auch verlassen. Segun Akinola komponiert nun die Musik, die mehr atmosphärisch als thematisch ist. Wie Gold hat auch Akinola gebraucht, um musikalisch in die Serie reinzukommen. Er sollte aber mittlerweile den Dreh heraußen haben.

Erstmals seit der klassischen Serie sind drei Companions gleichzeitig an Bord der T.A.R.D.I.S., und auch wenn es oft an der Qualität der Drehbücher mangelt, so ist die 11. Staffel doch solide. Chibnall verzichtet auf Weihnachts-Specials und setzt eher auf Neujahr-Specials. In Großbritannien scheint das aber einem skandalösen Affront gleichzukommen. Die polarisierende 12. Staffel kam im Winter 2020 heraus, durch Corona verlängert sich die Wartezeit auf Staffel 13. Und in ein paar Jahren steht auch das 60-Jahr-Special vor der Tür.

An Universe in Distress. It’s a Treadmill.

Das Beeindruckende an der Figur des Doktors ist es, dass er nicht auf Waffengewalt setzt, um Konflikte zu lösen, sondern seinen Verstand und seine Intelligenz benutzt. Daher hat er auch keine Laserwaffe, sondern einen Schallschraubenzieher. Sein Mantra lautet: „Never be cruel or cowardly“, niemals grausam oder feig sein, und sich immer der Gefahr stellen. Er ist exzentrisch und kann im einen Moment wie ein Kind im Süßwarenladen sein, nur um nächsten Moment ernst und erbarmungslos zu sein. In den meisten Fällen setzt er die Waffen und Doomsday-Devices der Invasoren und Feinde gegen sie ein, um den Tag zu retten.

Und das Universum braucht ständig Hilfe, denn es steckt voller kriegerischer Rassen: Neben den „Space Nazis“, den Daleks, muss die Menschheit auch gegen die grusligen Cybermen, die Sontaraner, die Stenza und anderen Kriegerrassen kämpfen. Daneben hat der Doktor noch andere ikonische Feinde: Die psychopathischen Weinenden Engel nutzen Zeit als Waffe ein, um sich zu ernähren. Und der bereits erwähnte Master ist das dunkle Gegenstück zum Doktor, ein ebenso brillanter Verstand, der seine Intelligenz aber für Unterwerfung und Zerstörung einsetzt. Oft genug sind auch Menschen selbst die Übeltäter, die vom Doktor dann gemaßregelt werden müssen. Die Monster sind zumeist repräsentativ für diverse philosophische Konflikte und innere Ängste. Die Serie vereint verschiedene Genre, wie Sci-Fi, Komödie, Horror, Drama und mehr. Gleichzeitig ist die Serie offen für jeden Fan, und empfängt vor allem Leute, die sich ausgeschlossen und allein fühlen.

Canon can be rewritten

Natürlich war nicht alles von Anfang an festgelegt, sondern wurde erst im Laufe der Serie eingeführt. Seinen Heimatplaneten Gallifrey besuchte der Doktor erstmals 1976 in „The Deadly Assassin“, hier wurde auch erstmals das Regenerationslimit von 12 erwähnt (dh, ein Timelord darf 13 Leben haben, mit der Möglichkeit auf eine Verlängerung). Manche historische Ereignisse sind fixiert, manche können geändert werden. Ein bekanntes Zitat aus der Serie lautet: „Time can be rewritten“. Die Regeln diesbezüglich sind verschwommen. Der Erfolg von „Doctor Who“ geht über die TV-Serie hianus. Es gibt Comics, Bücher, Hörspiele, und Videospiele. Und nicht alles ist kompatibel. Der Canon von „Doctor Who“ verändert sich ständig, und verstrickt sich oft in Widersprüchen.

Das wiederum aber tut eigentlich nichts zur Sache, denn in einer Show über Zeitreisen dürfen sich die Zeit und die Welt ändern. Die Menschheit hat durchwegs über die Jahrzehnte und Jahrhunderte Begegnungen mit Außerirdischen gehabt, doch um die kontemporären Companions des Doktors für das Publikum nahbar zu machen, ist es wichtig, dass vermeintliches Wissen um Außerirdische geheimgehalten wird. Denn diese sind die Bezugspersonen für die ZuschauerInnen. Manchmal werden Ereignisse ungeschehen gemacht oder gar aus dem Gedächtnis ausradiert. Sehr oft kommt es auch zu Retcons. Natürlich darf die Show auch nicht mit dem 13. Leben des Doktors enden, und so finden die Autoren und Showrunner Wege, um diesem vorzeitigen Ende zu entgehen. Es ist alles nur eine Frage der Zeit.

Wo soll man beginnen?

Wo können potenzielle Neu-Zuseher anfangen? Das langsame Tempo der klassischen Serie ist manchmal selbst für Hardcore-Fans zu mühselig. Auch wenn sich die Sehgewohnheiten mittlerweile geändert haben, wäre der Pilot der ersten Staffel des Revivals, „Rose“, ein guter Einstieg. Staffel 5, Moffats erste Staffel als Showrunner, ist ebenfalls gut, auch wenn man eventuell den Zweiteiler „Silence in the Library“ aus Staffel 4 vorher gesehen haben sollte. Die Eröffnungsfolge aus Staffel 11, „The Woman that fell to Earth“, ist ebenfalls einsteigerfreundlich. Beliebte, wenn auch unkonventionelle Einstiegspunkte wären „Blink“ (Nicht blinzeln), die 10. Folge der dritten Staffel, und „Mummy on the Orient Express“, die 8. Folge der 8. Staffel.

Über die Jahrzehnte ging es immer wieder auf und ab mit der Serie. Figuren, Settings und Geschichten ändern sich. Doch Veränderung ist genau dieses spezielle Leitmotiv bei „Doctor Who“: „We all change, when you think about it […] And that is ok. As long as you remember all the people you used to be.“

By Bernhard

Seit frühester Kindheit ein Fan und Liebhaber von Filmen und Serien jedweder Art, setzt Bernhard alles daran, um sein Wissen und seine Fähigkeiten in diesem Metier zu vergrößern und zu verfeinern. Als wandelndes Filmlexikon zieht der Österreicher durch die Lande, um den Menschen Neuigkeiten über das cineastische Treiben kundzutun.

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