Kaum ein oscargekröntes Drama hat sich so sehr zu einem Franchise gewandelt wie „Rocky“. Es ist die Filmversion des Amerikanischen Traumes, sowohl auf narrativer als auch auf filmischer Ebene.

Going the Distance

„Rocky“ erzählt die Geschichte des unbekannten, down-on-his-luck Boxers Robert „Rocky“ Balboa, der in Philadelphia versucht, als Boxer durchzustarten. Gleichzeitig umwirbt er Adrian (Talia Shire), die Schwester seines besten Freundes Paulie. Als der Weltmeister im Schwergewicht, Apollo Creed (Carl Weathers), im Rahmen eines Publicity Stunts verkündet, gegen einen unbekannten Boxer anzutreten, sieht Rocky seine Chance gekommen. Dabei will er gar nicht gewinnen, sein Ziel ist es nur, die 15 Runden im Ring durchzuhalten. Und dafür trainiert er wie verrückt.

„Rocky“ ist kein Actionfilm, es ist ein warmherziges Drama. Das Boxen ist im Grunde genommen ebenfalls zweitrangig. Es geht um das Leben dieses Losers, der als Geldeintreiber für Kredithaie arbeitet um über die Runden zu kommen. Das Drehbuch stammt von Sylvester Stallone, der hart dafür kämpfen musste, um auch die Hauptrolle spielen zu dürfen, und das, obwohl er zu der Zeit kein Geld hatte und seinen Hund verkaufen wollte, weil er ihn nicht füttern konnte. (Der Hund bekam dafür eine Rolle im Film)

Denn das Studio wollte einen „Leading Man“. Für Stallone in der Hauptrolle nahmen er, Regisseur John G. Avildsen und die Produzenten Winkler und Chartoff auch das kleinere Budget (1 Million statt der angestrebten 2) in Kauf. Viele Einstellungen der Lauf-Montage wurden zB im Guerilla-Stil ohne Dreherlaubnis gedreht, weil das zu teuer gewesen wäre. Auch der Box-Endkampf gegen Creed ist sehr minimalistisch gehalten, weil sie nicht genug Extras leisten konnten (angeblich soll man sogar Stallone selbst unter den Zusehern sehen können). Das Teuerste am Film war übrigens das Make-Up während der Box-Szenen.

It ain’t over till it’s over

All die Mühe zahlte sich aus, und der Film wurde nicht nur ein Erfolg, sondern ihm wurdne auch 3 Oscars zuteil: Bester Schnitt, Beste Regie und Bester Film. Drei Jahre später folgte die erste Fortsetzung, die sofort nach dem Ende des ersten Teiles anfängt. Stallone hat auch autobiographische Elemente eingebaut: ihm war die Thematik rund um Helden von Gestern wichtig, die schnell vergessen wären. Dasselbe passierte ihm nach dem Erfolg von „Rocky“, als die beiden Filme, die auf den Erfolgsfilm folgten, gefloppt sind.

In „Rocky II“ lebt der Boxer kurze Zeit von seinem Ruhm aus dem Kampf gegen Apollo. Da viele Leute meinen, dass der Kampf getürkt war, fordert Creed den italienischen Hengst erneut heraus. Und diesmal soll es kein Schaukampf werden. Rocky weigert sich aus Liebe zu Adrian daraus, teilzunehmen, vor allem da er nach dem letzten Kampf schwere körperliche Schäden davon getragen hat. Doch finanzielle Engpässe zwingen ihn dazu, erneut in den Ring zu steigen. Beide Kämpfer trainieren härter, als sie es je zuvor getan haben, Auch die Geburt ihres Sohnes sind da kein Hindernis. Am Ende des Entscheidungskampfes soll Rocky als neuer Weltmeister aufstehen.

First Blood of the Tiger

Zwischen „Rocky II“ und III hat Stallone den ersten Rambo-Film gemacht. Das merkt man diesem auch an. Rocky ist nun wirklich ein Weltstar, Werbeträger, und hat eine andere, sportlichere Statur. Und auch ein arroganteres Auftreten. Ursprünglich wollte Stallone mit „Rocky III – Eye of the Tiger“ seine Trilogie beenden. Seine Figur sollte lernen, wie es ist, von ganz oben nach ganz unten zu gelangen, um sich erneut zu beweisen.

Dazu war es nötig, den Helden nicht nur körperlich im Ring zu erniedrigen, nämlich durch ein brutales KO von Antagonist Clubber Lang (der Ex-Türsteher Mr. T in seiner ersten Filmrolle), sondern auch psychisch durch den Tod von Rockys Trainer und Mentor Mickey (Burgess Meredith). Wieder auf die Beine gestellt wird er durch seinen ehemaligen Gegner Apollo, der Rocky „das Auge des Tigers“ wiedergeben will, den unzähmbaren Siegeswillen. „Rocky III“ war auch der Film, der der Band Survivor zum Weltruhm verhalf, mit ihrem Titelsong „Eye of the Tiger“.

Der Camp des Jahrhunderts.

Nach „Exe of the Tiger“ war es noch nicht vorbei mit dem Franchise. Am Höhepunkt des Kalten Krieges beschloss Stallone, einen politischen Rocky-Film zu machen: Amerika gegen die Sowjetunion. Zu Beginn des Filmes sind zwei Boxhandschuhe zu sehen, ein amerikanischer und ein sowjetischer. Beide Handschueh rasen mit hoher Geschwindigkeit und aufeinander zu und treffen in einer gewaltigen Explosion aufeinander. Der sowjetische Handschuh geht dennoch dabei unter. Bei diesem neuen Opening wurde die klassische Rocky-Fanfare gegen das modernere „Eye of the Tiger“ ausgetauscht.

Als die Sowjetunion beschließt, in die Boxweltmeisterschaft einzusteigen, ist Apollo Creed komplett Feuer und Flamme dafür, gegen den unbekannten Ivan Drago (Dolph Lundgren) anzutreten. Bei einem Vegas-Schaukampf unterschätzt er jedoch seinen Gegner sowie sein eigenes Alter, und stirbt im Ring in Rockys Armen. Dieser schwört Rache, und gibt für einen Kampf gegen Drago im winterlichen Sibirien sogar seinen Weltmeistertitel auf. Der Showdown wird zum symbolträchtigen Krieg der beiden (Das begleitende Musikstück trägt tatsächlich den Titel „War“).

Nicht nur das Ende mit seiner politischen Rede ist cheesy, der ganze Film ist es. Zu Beginn wird unter großem Trara ein Roboter als Geschenk für Paulie eingeführt, den dieser womöglich für Sex-Sachen verwendet. 80% des Filmes bestehen nur aus Montagen, gefolgt von noch mehr Montagen, und unterlegt mit ein paar der 80er-mäßigsten Soundtracks überhaupt. „Rocky IV“ hat die Montage perfektioniert, vor allem die Parallelmontage über die unterschiedlichen Trainingsmodelle der beiden Kontrahenten: Während Drago in Hi-Tech-Sporthallen unter der Beobachtung renommierter Sowjets das beste für Geld erhältliche Training bekommt, trainiert Rocky in einer ländlichen sibirischen Gegend in einer Holzhütte: rustikales Training ohne jeglichen Firlefanz. Es ist eine David gegen Goliath-Geschichte, aber eigentlich ist das Rocky eh doch immer gewesen.

Sein Ring ist die Straße

Nach „Rocky IV“ war natürlich die Frage da, wie man das noch steigern könnte, und gegen welchen überdimensionierten Gegner Rocky wohl als nächstes antreten könne. Einige Scherze führten tatsächlich zur Produktion von „Predator“, in welchem Arnold Schwarzenegger und Carl Weathers gegen ein überlegenes Alien (am Anfang der Produktion gespielt von Jean-Claude van Damme) kämpfen. „Rocky V“ aber ging Back to the Roots, wofür man auch Avildsen zurückholte: Nach dem Kampf gegen Drago ist Rocky so körperlich angeschlagen wie noch nie zuvor, ein weiterer Kampf könnte ihn töten/ paralysieren. Fingierte Geldgeschäfte führen dazu, dass sie alles verlieren, und zurück nach Philadelphia ziehen müssen.

Dort übernimmt Rocky seine alte Trainingshalle, und nimmt den jungen Tommy Gunn (Real-life Boxer und  Schauspiel-Niete Tommy Morrison) unter seine Fittiche, sehr zum Missfallen seines eigenen Sohnes (Sage Stallone). Doch geblendet von Ruhm und Glanz, stellt sich Tommy bald als erbitterter Gegner heraus, und so kommt es zu einem unrühmlichen Straßenkampf zwischen den beiden.

„Rocky V“ ist das schwarze Schaf der Reihe und hat viele Probleme. Von der konstruierten Handlung, über das Schlechte Schauspiel und die verwirrende Timeline (Wie lang nach dem vierten Teil soll dieser Film spielen, und wie alt ist Sage Stallone?). Sein größtes Problem jedoch ist die Aussage, dass man jedes Problem mit Gewalt lösen kann. Auch wenn es in den Filmen ums Boxen geht, aber DAS war nie die Aussage von „Rocky“. Zum Vergleich kann man die Enden von Teil 4 und 5 anschauen. Diesen Abschluss hat die Reihe nicht verdient.

Nummerierung? Was ist ne Nummerierung?

16 Jahre nach „Rocky V“ beschloss Stallone, noch einen 6. Teil nachzuschießen. Es ging ihm vor allem darum, einen rühmlicheren und besseren Abschluss für seine alternde Figur zu finden. In „Rocky Balboa“ (Nummerierte Sequels kommen wohl nicht mehr so gut an) ist er nun ein verwitweter Restaurantbesitzer, und träumt von alten Tagen. Adrian ist vor Jahren gestorben (und das ist der größte Fehltritt des Filmes, dass die Zuschauer sich nicht in einer Rückblende von ihr verabschieden konnten), und er hat Beziehungsprobleme mit seinem Sohn (Milo Ventimiglia).

Als eine TV-Show einen simulierten Kampf zwischen Rocky und dem amtierenden Weltmeister Mason „The Line“ Dixon (Anthony Tarver) zeigt, sind die Leute hellhörig: Sie wollen einen echten Schaukampf zwischen den beiden, um zu sehen, wer es wirklich drauf hat. Rocky ist dabei, vor allem, da er noch „etwas im Tank“ hat; Energie, Wut und Frustration, die raus wollen. Er will sich noch ein allerletztes Mal beweisen. „Du weißt alles über das Boxen, was es zu wissen gibt,“ meint sein Trainer Duke vor der obligatorischen Trainingsmontage. Es ist eine rührende Zusammenfassung über alle sechs Teile.

Der Showdown ist wie eine tatsächliche TV-Aufzeichnung eines Box-Kampfes inszeniert. Es ist nicht nur ein Comeback der Figur, sondern auch des Schauspielers, denn es ist der erste richtige Erfolg Stallones nach ein paar mageren Jahren. Die Reihe ist damit abgeschlossen.

Rocky VII – Adrians Rache

Zumindest wäre es das bis 2015 gewesen. Denn dann kam „Creed“ heraus. Diesmal kam die Idee einer Fortführung des Franchises nicht von einem Studio oder von Stallone, sondern von einem Regisseur selber: Ryan Coogler (Fruitville Station, Black Panther) hatte die zündende Idee nach diesem Spin-Off-Sequel, und konnte damit Studio und auch Stallone überzeugen:

Adonis Johnson (Cooglers Go-To-Schauspieler Michael B. Jordon) hat als uneheliches Kind eines Weltmeisters kein leichtes Leben. Doch nach dem Tod seines Vaters Apollo Creed nimmt ihn dessen Witwe als ihren eigenen Sohn auf. Adonis ist besessen vom Erbe seines Vaters, und beschließt trotz aussichtsreichen Job, selbst eine eigene Boxerkarriere zu starten. Dafür sucht er den Mann auf, der seinen Vater einst besiegt hat: Rocky. Das Geheimnis seines Namens ist bald heraussen, und er bekommt die Chance auf einen Titelkampf, wenn er sich dazu bereit erklärt, unter dem Namen Creed anzutreten.

Cooglers Film ist eine richtige Fortführung des Franchises. Es ist der siebte Teil der Rocky-Saga, und ein wahres „Passing-of-the-Torch“-Sequel. Die Geschichte von Adonis und Rocky überschneiden sich in einigen Punkten, und auch Rockys Arc in Creed passt wunderbar zum Thema des Filmes. Es hat auch ein paar der besten Boxkämpfe der gesamten Saga, so gibt es einen One-Shot-Boxkampf in der Mitte des Filmes, und auch der Showdown funktioniert auf physischer wie auch emotionaler Ebene. Und jetzt folgt eine sakrilegische Meinung: Ryan Coogler hat den besten Rocky-Film gemacht.

Enter the Drago

Der Erfolg von „Creed“ ermöglichte eine Fortsetzung, von Stallone selbst geschrieben. Und natürlich gab es nur einen möglichen Gegner für den jungen Champ in der Fortsetzung: Victor Drago (Florian Munteanu), der Sohn des Mörders seines Vaters.

Der Film dient nicht nur als Fortsetzung zu „Creed“, sondern auch als Fortsetzung zu „Rocky IV“. Des weiteren vereint er Motive und Themen aus „Rocky II“ und III.Mit 2 ½ Stunden ist „Creed II“ der wohl längste Teil der Saga. Die Länge tut aber nicht weh, sondern es ist gut, dass sich der Film Zeit für seine Figuren nimmt. Es ist ein Film über Väter und Söhne/ Kinder, und die Frage danach, welches Vermächtnis von einem bleibt. War es im ersten Teil noch der Gedanke an seinen Vater, der Adonis im entscheidenden Moment aufhalf, so führt ihn dieser im achten Rocky-Film beinahe in den Untergang. Um schließlich den ersehnten Frieden zu bekommen, muss er zuerst durch die Hölle gehen.

Eine musikalische Narrative

Die Rocky-Filme waren immer auch für ihre Musik bekannt. Pompös ertönt die Rocky-Fanfare zu Beginn der meisten Filme, und „Gonny Fly Now“ von Bill Conti ist das berühmteste Trainingslied neben „Eye of the Tiger“. Musik erzählt immer eine Geschichte, Der Einsatz der Musik ist auch immer mit Bedacht gewählt. Allerdings fällt er auch auf narrativer Ebene auf.

Im ersten Film trainiert Rocky zu den Klängen von „Gonny Fly Now“, und beim Showdown mit Creed will er nur bis zum Ende hin durchhalten, weshalb „Goning the Distance“ ertönt. Im zweiten Teil nimmt Apollo es weitaus ernster, es steht mehr auf dem Spiel. Darum ist „Going the Distance“ auch nicht das Lied für den Showdown, sondern dient als Lied der ersten Trainingsmontage („Gonna Fly Now“ wird nur bei der kitschigen Lauf-Montage gespielt.) Spuren davon finden sich dennoch im neuen Showdown-Lied, „Conquest“, welches nun auch für die Teile 3 und 6 verwendet wurde.

Auch der erste „Creed“ lebt von dem narrativen Einsatz der Musik. Adonis will sich ja nicht nur selbst beweisen und aus dem Schatten seines Vaters treten, sondern der Film will sich auf einer Metaebene auch von Vorbild/ Vorgänger „Rocky“ lösen. In der letzten Runde des Showdowns ertönt daher „Going the Distance“, und Creed muss sich dennoch den unaufhaltsamen Schlägen von Ricky Conlan erwehren. Erst bei einem musikalischen Wechsel gelingt ihm das. Denn nun hört man nicht mehr Rockys Lied, sondern Creeds Thema. Es ist brillant und sehr subtil. „Creed II“ macht allerdings den Fehler, dass er dies genauso wiederholt, und die Bedeutung dieses Momentes nicht zu verstehen scheint.

Rockys Erbe

Mit „Creed II“ sieht Stallone die Reise seiner Figur beendet, und er möchte in keinem weiteren Film mehr mitspielen. Dennoch gab es vor ein paar Monaten Ideen zu einem weiteren Rocky-Teil bekannt, in welchen Rocky einen jungen illegalen Immigranten aufnimmt und trainiert. Die Politik hat das Franchise also doch nie ganz verlassen. Auf jeden Fall wäre auch ein dritter „Creed“ in Planung. Aber wie heißt es so schön: Es ist erst vorbei wenn es vorbei ist.

By Bernhard

Seit frühester Kindheit ein Fan und Liebhaber von Filmen und Serien jedweder Art, setzt Bernhard alles daran, um sein Wissen und seine Fähigkeiten in diesem Metier zu vergrößern und zu verfeinern. Als wandelndes Filmlexikon zieht der Österreicher durch die Lande, um den Menschen Neuigkeiten über das cineastische Treiben kundzutun.

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