Micha hat’s nicht leicht. Immerhin wohnt er am kürzeren Ende der Sonnenallee in Ost-Berlin und hat jeden Tag einen 1-A Blick auf die Mauer. Richtig gehört: DIE Mauer. Die Mauer, die einst Osten und Westen in ein Hier und ein Drüben trennte und heute als nettes Andenken in unzähligen Berliner Touristenfallen verkauft wird. Doch was für uns Geschichte ist, ist für den Teenager Micha in Leander Haußmanns „Sonnenallee“ von DDR-Alltag vom Feinsten. Haußmann präsentiert den Zuschauern einen überspitzten Einblick in das tägliche Leben eines Heranwachsenden in der DDR: Was ssind eine Träume, Hoffnungen und Wünsche? Dabei darf man es mit der historischen Korrektheit nicht immer ganz genau nehmen und sollte die Geschehnisse in der Sonnenallee mit einem Augenzwinkern betrachten.

Michael Ehrenreich, kurz Micha, ist bald erwachsen. Denn er und seine Freunde stehen kurz vor dem Abitur und da ist nun Planung angesagt. Was soll man mit der Zeit nach der großen Prüfung anstellen? Studieren und sich dafür drei Jahre bei der NVA verpflichten? Oder doch eine Lehre anfangen? Aber ganz ehrlich: Micha hat wichtigere Dinge, die ihn beschäftigen. Zum Beispiel, wo er die neuste Pop-Musik aus dem Westen herbekommen kann oder, dass die hübsche Miriam endlich auf ihn aufmerksam wird. Ach, süße Miriam. Doch die interessiert sich viel mehr für einen blonden Peitscher aus West-Berlin und sein schneidiges Cabrio. So was aber auch.

Die Geschichte rund um Micha und Co. erzählt „Sonnenallee“ selten zusammenhängend und eher episodisch. Als Zuschauer wird man in Michas Alltag mitgenommen und lernt die Leben und Leiden eines Jugendlichen in der DDR aus nächster Nähe kennen. Zwar wird dabei oft auf Stereotype und Ost-Klischees zurückgegriffen, die sind aber meistens wirklich lustig und lassen auch diejenigen den Film verstehen, die nicht so viel über die DDR wissen. Zum Beispiel, dass die DDR-Bürger für alles mögliche schicke Abkürzungen benutzt haben (Mufuti) oder heimlich „alle“ hinter zugezogenen Gardinen West-Fernsehen geschaut haben. Untermalt wird das Ganze mit nostalgischen Tracks von Nina Hagen, den Phudys und Ton Steine Scherben.

Während die Hauptdarsteller des Films zu seiner Entstehungszeit noch weitgehend unbekannt waren, sind vor allem die Nebenrollen in „Sonnenallee“ hochkarätig besetzt. Michas Eltern Doris und Hotte beispielsweise werden grandios von Katharina Thalbach und Henry Hübchen verkörpert und der ABV Obermeister Horkefeld von Detlev Buck – wobei es daneben noch zahlreiche Gastauftritte gibt.

Eine Sache, die mich in beinahe jedem Film begeistert, sind unerwartete Tanzszenen. So auch in „Sonnenallee“. Micha und seine Clique sind auf einer Fete, die nicht so richtig in Fahrt kommen will. Als ihr Freund der DJ plötzlich „Get It On“ von T Rex auflegt, schreiten Micha und seine vier Freunde auf die Tanzfläche, stellen sich in einer Reihe auf und beginnen zu tanzen. Aber weil sie die Mädels beeindrucken wollen, muss der Tanz natürlich besonders cool sein. Deshalb wird lediglich mit den Füßen und Knien gewackelt – denn zu viel Engagement wäre schließlich auch oberpeinlich. Trotzdem legen die fünf Jungs eine ziemlich einstudierte, beinahe synchrone Choreographie hin, die zumindest Miriam und ihre Freundinnen tuscheln lässt. So cool muss man erst mal sein. Doch auch sonst wird in „Sonnenallee“ viel getanzt, denn manchmal ist Tanzen doch das Einzige, das dir hilft, nicht komplett den Verstand zu verlieren.

„Sonnenallee“ ist ein witziger Film, der mehr oder weniger realistisch das Leben von Jugendlichen in der DDR skizziert und dabei jede Menge Charme versprüht. Er ist auf jeden Fall einer der deutschen Filme, der mich für die Zukunft der deutschen Komödie hoffen lässt. Vielleicht haben wir alle Glück und es gibt bald wieder mal einen Film, der so ironisch, durchdacht, komisch und dabei gleichzeitig selbstreflektiert ist – und in dem Elyas M’Barek einmal nicht mitspielt. Vielen Dank für die „Sonnenallee“ Herr Haußmann, sonst würde uns doch keine Mensch glaube wie schön’s hier war.

By Sophia

Sophia ist nicht nur Serienliebhaberin, sondern rennt auch immer sofort ins Kino, wenn der Geldbeutel es zulässt. Seit ihrer Kindheit sind Filme ein wichtiger Teil ihres Lebens und das hat sich bis heute nicht geändert. In ihrer Freizeit liest sie Bibliotheken leer und versucht der beste Pokémon-Trainer zu werden.

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