All grown up: Derry Girls (2018, fortlaufend)

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Bisher ging es hier nur um Filme, aber stellt euch vor: Es gibt auch eine Menge Coming-of-Age-Serien. Das habt ihr schon gewusst? Na gut, ihr schlauen Füchse. Aber kennt ihr auch die nordirische Serie „Derry Girls“? Wenn nicht, solltet ihr das schleunigst nachholen. Aktuell gibt es auf Netflix zwei Staffeln mit je sechs Folgen zu sehen und für 2020 wurde schon eine Fortsetzung angekündigt. Einziger Nachteil für den einen oder anderen: Die Serie ist nur im englischen Originalton verfügbar, und der hat es in sich. Der irische Dialekt ist so extrem, dass Untertitel das Gebot der Stunde sind. Lesen müsst ihr also auch noch, aber „Derry Girls“ ist es absolut wert.

In „Derry Girls“ erzählt Lisa McGee die Geschichte der 16-Jährigen Erin, die Anfang der 1990er mit ihrer Familie im nordirischen Derry lebt, einer Stadt an der Grenze zur Republik Irland. Gemeinsam mit ihrer verrückten Cousine Orla, der nervösen Clare und der aufgekratzten Michelle besucht sie eine erzkatholische Mädchenschule. Doch es stehen Veränderungen an. Michelles englischer Cousin James zieht aus London nach Derry und soll von nun an mit ihnen die Mädchenschule besuchen. Probleme sind da natürlich vorprogrammiert, immerhin gibt es an der ganzen Schule nicht einmal eine Toilette für James.

Kleine Geschichtsstunde am Rande: „Derry Girls“ spielt zur Zeit des Nordirlandkonflikts. Während die protestantischen Unionists für den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich kämpften, verlangten die Nationalisten ein unabhängiges Irland. Der Konflikt forderte viele Opfer und bis 1998 starben vor allem Zivilisten in den Kriegswirren. Doch obwohl das eine sehr ernste Ausgangslage ist, tangiert die Gewalt unsere „Derry Girls“ kaum. Sie haben genug damit zu tun, ihren Alltag als Teenager zu überstehen. Sollen sich doch die Erwachsenen mit der Politik herumärgern.

Denn Chaos verbreiten die Mädchen und James schon selbst genug, wenn sie zum Beispiel beinahe eine Wohnung abfackeln, als sie versuchen, flambierten Schnaps zu trinken. Oder die Lokalpresse aufmischen, weil sie angeblich die Wiederauferstehung eines Hundes mit angesehen haben. Oder als sie auf eigene Faust lostrampen, um ihre Idole Take That live bei einem Konzert zu sehen und James sich dabei für kurze Zeit einer Gruppe Zigeuner anschließt. Ihr seht schon, es wird wild.

Besonders gelungen an „Derry Girls“ ist der oft sehr schwarze Humor. Immerhin spielt die Geschichte in einer Zeit politischer Unsicherheit und an jeder Ecke könnte Gefahr lauern. Doch der Witz und die Situationskomik der Serie durchbrechen dieses ernste Setting gekonnt und zeigen, dass man selbst in schweren Zeiten seinen Humor nicht begraben darf. Vor allem James bekommt immer wieder sein Fett weg, denn immerhin ist er ein dreckiger Engländer, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Auch religiöse Seitenhiebe hagelt es haufenweise, und wir lernen, dass Protestanten die schlechteren Christen sind – zumindest für die Nonne Schwester Michaels.

Die erste Staffel von „Derry Girls“ ging in Großbritannien durch die Decke und wurde schnell Serienliebling der Insel. Das liegt wohl gerade daran, dass „Derry Girls“ aus dem Einheitsbrei der Sitcom-Landschaft heraussticht und auch mal die Grenzen des guten Geschmacks überstrapaziert. „Derry Girls“ ist ehrlich, geradeheraus und urkomisch. Von mir gibt es zwei Daumen hoch, for god’s sake.

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